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Video by Ranja Assalhi

ARCHIVE

Muslim Futures Now

Muslim Futures ist eine Angelegenheit. Ein Prozess. Eine Vorstellung, die im Vergangenen geboren wurde und sich ins Heute ĂŒbersetzt. Ein StĂŒck Zukunftsvision im Jetzt, in diesem Moment. Was passiert also morgen, in zehn Jahren, in 100 Jahren, wenn du heute wagst, dir vorzustellen, was unvorstellbar scheint? Lass dich fallen, in Leichtigkeit, und brich mit Vorstellungen von Zeiten, Dimensionen, RĂ€umen und dem scheinbar Möglichen. Denn was ist schon unmöglich fĂŒr denjenigen, der alles möglich macht? Der schafft und sagt „Sei! Und es ist!“ Wie schön sind wir, wenn wir trĂ€umen, fernab von Deutungen und MaßstĂ€ben von außen? Wenn wir in uns hören, wonach sehnen wir uns dann? Wie sehen diese Welten aus? Gibt es uns dort, ist es grĂŒn, schmeckt es nach Freiheit? Sprechen wir? Erkennen wir uns und einander an? Wonach sehnst du dich in diesen Vorstellungen? ‹Muslim Futures ist Ausdruck einer Sehnsucht: Der Versuch, ZukĂŒnfte zu zeichnen, die gleichzeitig und auch in WidersprĂŒchlichkeit existieren. Es sind Visionen, fĂŒr die wir heute einstehen können – es löst Grenzen auf, die fernab von Normen und Hegemonien bestehen. Warum auch nicht?

Muslim Futures ist auch eine Einladung.

Komm doch bitte rein, du bist herzlich willkommen. Deine Schuhe kannst du gerne anlassen, außer du betrittst die Traumwelten. Dann mach es dir doch bequem. Du bist zu Hause. Darf ich dir einen Tee mit Minze einschenken? ‹Da ist auch schon Fatih: Er zeigt, wie es sich anhört, wenn wir beisammen sind. Ich lasse mich fallen, in Leichtigkeit, so verspricht es mir Hanaa, du könntest auch deine Geschichte malen, wenn du möchtest. Es riecht nach Lilien und UmbrĂŒchen, von gepflĂŒckten TrĂ€umen in der Stadt Madinah, wir sind hier achtsam miteinander, nicht wahr, NilgĂŒn? Der Prozess ist sprunghaft, verfĂŒhrerisch, vielschichtig – so wie mythologische Figuren, denen wir doch so Ă€hnlich sind, manchmal zumindest, oder, Elif?‹Ja, das bist du, da im Spiegel, wie du gerecht und wohlwollend regierst. Khaled hat dich gezeichnet. Magst du dich so? Wie kommt es, dass deine Augen glĂ€nzen, wenn sie sich in den Stoffen der Khayamiya von Anja spiegeln? Wir begegnen uns im Hier und Jetzt, doch sind wir verwoben in den NĂ€hten durch unsere Vergangenheit und Zukunft.
Treffen wir uns gleich mit Abul Abbas in der U8? Er tanzt mit mir, wĂ€hrend wir Liebesbriefe ans Vergessen schreiben, das habe ich von Ozan Zakariya gelernt. Es passiert, weil ich es mir so vorgestellt habe. Ich vertraue dir, dem Hier, ich ziehe Kraft aus uns. ‹Gott, bist du schön, wenn du dir vorstellst, wie ein besseres Morgen sich anfĂŒhlt. Ich spĂŒre es im Bauch, und du? Mein Herz macht SprĂŒnge, im Versuch deine WĂŒnsche mitzufĂŒhlen – ich sehne mich danach, so wie Kader es visualisiert. ‹Wie sĂŒĂŸ schmeckt diese Welt, in der wir sind. Wenn ich bin, glaube, liebe und zusammenfĂŒge, wie Puzzleteile am Kap der guten Hoffnung, Hafssa? Ich schöpfe von den Verbindungen – zwischen hier und dort, mir und dir, dem (Un-)Sichtbaren.

Ihr findet nun im Folgenden die neun Werke, die im Rahmen unserer Ausstellung im Januar 2024 im ACUD macht Neu ausgestellt worden sind. Wir wĂŒnschen euch puren Genuss, Inspiration und Freude beim Erkunden unseres Muslim Futures Archivs.

KADER BAĞLİ

*1996, DE, lebt in Stuttgart

Eine Botschaft an dein Herz, 2024

KI-Videoinstallation

Wie können wir, inmitten einer hektischen und kriselnden Welt, die Reinheit unseres Herzens bewahren? Die KI-generierte Videoinstallation der Lead VFX KĂŒnstlerin lĂ€dt auf eine Reise ein, die die Essenz des „Kalb-i-Selim“ (des reinen Herzens) erkundet, reflektiert und in Bildern manifestiert. Sie legt einen Fokus auf Selbstreflexion, ermutigt zum bewussten RĂŒckzug und zu einer entschleunigten Lebensweise. Im Zentrum stehen spirituelle Praktiken, um die Verbindung zum Transzendentalen, dem Schöpfer, zu stĂ€rken. Die Sehnsucht nach Empathie, das Zusammenspiel von Herz und Verstand und die Verbindungen zum Glauben sind das, was den Menschen ausmachen. Das Streben nach einem Kalb-i Selim entwirft ZukĂŒnfte, charakterisiert durch Frieden, MitgefĂŒhl und gegenseitiger UnterstĂŒtzung auf dem Weg zu einem reinen Herz – ein Fundament fĂŒr das Wohlergehen aller.

ANJA SALEH

*1992, DE, lebt in Berlin

Of The Forgotten, The Hopeful, The Dreamer, 2024

Textilinstallation

Anja Saleh‘s Textilinstallation “Of The Forgotten, The Hopeful, The Dreamer” dient als Untersuchung der Konzepte von Hoffnung, TrĂ€umen sowie dem Dualismus von Erinnerung und Vergessen. Die aus drei Werken bestehende Installation, die sich aus historischer Ă€gyptischer Khayamiya-Kunst, traditionellen Textilien und kulturellen Motiven zusammensetzt, setzt sich mit der Bedeutung jedes Elements auseinander und reflektiert deren heutigen kollektiven Einfluss auf uns und unsere ZukĂŒnfte.

Die Decke, traditionell ein gewöhnlicher Haushaltsgegenstand und Symbol fĂŒr Komfort, WĂ€rme und BestĂ€ndigkeit ĂŒber Generationen hinweg, lĂ€dt dazu ein, „intergenerationale TrĂ€ume“ als Alternative, als ErgĂ€nzung zum oft diskutierten „intergenerationalen Trauma“ zu betrachten, was die Bedeutung von TrĂ€umen als Ausgangspunkt fĂŒr neu imaginierte, gerechte ZukĂŒnfte hervorhebt.

„Khair inshaAllah“, ein hĂ€ufig gebrauchter Ausdruck um Wohlergehen und Akzeptanz der Ungewissheit der Zukunft, steht fĂŒr ein GefĂŒhl des Vertrauens und der Hoffnung angesichts des Unbekannten.

Im Khayamiya StĂŒck, wo Erinnerung und Vergessen – jeweils auf die Handgelenke von Hathor und Nefertari, die sich als Symbol fĂŒr die Vereinigung halten – eingeschrieben sind, lenkt Saleh auf die wesentliche Dynamik des Erinnerns und Vergessens beim Aufbau zukĂŒnftiger ErzĂ€hlungen. Durch dieses Wechselspiel wertschĂ€tzen Gesellschaften ihr Erbe, lernen aus der Vergangenheit und sind in der Lage, ZukĂŒnfte zu imaginieren.

FATIH MARAƞLİOĞLU

*1992, DE, lebt in NĂŒrnberg

Dhikr reimagined | Sounds of the Future, 2023

Audio

 

„Und Allah gehört der Westen und der Osten. Allerorts, von wo ihr euch hinwendet, ist die von Allah gebotene Richtung.“ – 2:115

Wenn wir in der Zeit zurĂŒckgehen und den Halaqas des Dhikr (Gedenken an Gott) lauschen, werden wir KlĂ€nge und Instrumente wie die Nay und die Oud in Tonleitern hören, die manchen Ohren vertrauter sind – unterlegt mit Gedichten und Texten von Rumi und Hafez. Wenn wir nun in der Zeit vorwĂ€rtsgehen, in eine Welt, in der der Osten und der Westen nicht voneinander getrennt werden können, in eine Welt mit Hunderten von Sprachen und Kommunikationsmöglichkeiten, Tausenden von Instrumenten und KlĂ€ngen und Millionen von Möglichkeiten, sich zu verbinden. Und wenn wir die Gelegenheit hĂ€tten, den Halaqas dieser Zeit zu lauschen, was wĂŒrden wir hören?

HAFSSA EL-BOUHAMOUCHI

*1992, DE, lebt in Kairo

Living Divine Empowerment, 2024

Kurzdokumentation

Was macht eine Religionsgemeinschaft aus? Sind es die ĂŒberlieferten Quellen, die kulturelle IdentitĂ€t oder doch die Individuen, die beides mit SelbstverstĂ€ndnis fĂŒllen?
Die Symbiose all dieser Teile erweckt eine Gemeinschaft zum Leben. Living Divine Empowerment stellt einzelne Frauen aus SĂŒdafrika in den Mittelpunkt und erzĂ€hlt ihre Geschichten. Die Muslime am Kap sind eine besondere Gemeinschaft, versehen mit einer reichen Historie und einer vielfĂ€ltigen islamischen Tradition. Ihr Glaube hat die Schrecken der Kolonialzeit und der Apartheid ĂŒberlebt. Frauen erinnern an dieses Erbe in der Gegenwart, in stĂ€ndiger Verantwortung vor dem VermĂ€chtnis und den Lehren des Propheten Muhammad (sas). Ihr Glaube an die göttliche Botschaft einer besseren Welt inspiriert und empowert sie. Living Divine Empowerment rekonstruiert die Vergangenheit und formt die Zukunft, die muslimische Frauen am Kap (in guter Hoffnung) gestaltet haben. Das koloniale Erbe und der Widerstand gegen die Apartheid haben ihre Gemeinschaft geprĂ€gt. Ihr Aktivismus ermöglicht ihnen Visionen. Was ist ihre Botschaft fĂŒr uns und unsere Zukunft?

HANAA ABDELLA

*2000, DE, lebt in Nürtingen

strength in softness, 2024

Installation und Pastellkreide auf Papier

Wer hat die Privilegien, von einer Zukunft zu träumen, und wessen TrĂ€ume haben überhaupt eine Chance, Realität zu werden? Viele TrĂ€ume marginalisierter Menschen werden bereits im Keim erstickt, bevor sie mit Leben gefĂŒllt werden können. Mit ihrer Arbeit strength in softness hegt Hanaa Abdella den Gedanken, das TrĂ€umen als Akt der Resilienz zu verstehen. Die Besucher:innen, insbesondere BIPoC-Personen, werden dazu eingeladen, sich in der begehbaren Installation aufzuhalten, zu entschleunigen und zu trĂ€umen. In kĂŒnstlerischen Dialogen mit Freund:innen beschĂ€ftigt sich Abdella mit dem Zukunftsdenken und TrĂ€umen aus einer genuin muslimischen Perspektive. Die aus diesen GesprĂ€chen hervorgegangenen kĂŒnstlerischen Werke können außerhalb der Installation besichtigt werden.

NİLGÜN AKINCI

*1988, DE, lebt in Berlin

AMANAH ─ ŰŁÙ…Ű§Ù†Ű©,

2024

180° Video in VR

„Und tu Gutes, so wie Allah dir Gutes getan hat. Und trachte nicht nach Unheil auf der Erde, denn Allah liebt nicht die Unheilstifter.”
Sure Al Qasas: 77


Utopien mĂŒssen erzĂ€hlt werden – und von Menschen mit Leben gefĂŒllt. Auf Basis des Aspekts der Nachhaltigkeit entwirft Akıncı muslimische Zukunftsutopien, die sie aus ihren Studien qur’anischer
Inhalte ableitet (siehe Visualisierung MADINAH). Ihre Erkenntnis ist, dass der Qur’an immer wieder auf eine optimistische und barmherzige Gegenwart und Zukunft fĂŒr die Menschen hinweist – sofern diese sich dafĂŒr entscheiden. Sie schafft eine muslimische Zukunft, die Antworten auf die gesellschaftlichen, ökonomischen und ökologischen Verwerfungen der Gegenwart parat hat. Eine Zukunft, die eine reelle Alternative fĂŒr die gesamte Menschheit bietet. Angelehnt an die 1998 von Sohail Inayatullah entwickelte Causal Layered Analysis (CLA), erarbeitet Akıncı AnknĂŒpfungspunkte humanistisch-muslimischer ZukĂŒnfte, die dadurch real werden, indem sie erst imaginiert werden. Daraus entstand das Video AMANAH ŰŁÙ…Ű§Ù†Ű©:
AMANAH ŰŁÙ…Ű§Ù†Ű© behandelt die Verse im Qur’an 2:30, in der die Engel die Existenzberechtigung der Menschheit auf Erden hinterfragen, wo sie doch Unheil stiften und Blut vergießen wird. Doch Allah weiß, was sie nicht wissen.

MADINAH ─ Ù…ŰŻÙŠÙ†Ű©,

2023

„Ort der Anwendung der Rechtschaffenheit“

Midjourney KI-Visualisierung

ELIF ÇELIK

*1997, DE, lebt in Ulm

Ischtar und Schahmaran mit abgetrenntem Krokodilkopf, 2024

Acryl, Ölpastell auf Baumwolle

Ist das Medusa, oder doch Salome mit dem abgeschlagenen Kopf von Johannes dem TĂ€ufer? Der jahrhundertealte Mythos der verhĂ€ngnisvoll gefĂ€hrlichen und doch so mĂ€chtigen Frau, die MĂ€nner verfĂŒhrt und tötet, ist immer noch tief im Erinnerungskanon europĂ€ischer Kunst- und Kulturproduktionen verankert. Ischtar, die Mutter der „Femme fatale“, und neben ihr Schahmaran, die Herrscherin ĂŒber die Schlangen der Unterwelt, gesellen sich als orientalistische Haremsdarstellungen im 18. Jahrhundert zu der sexistischen Darstellung muslimischer Frauen in Europa. Was bedeuten diese Darstellungen fĂŒr das SelbstverstĂ€ndnis junger muslimischer Frauen und wie können sie angemessen reprĂ€sentiert werden? Elif Çelik plĂ€diert fĂŒr den Blick in die Vergangenheit, bevor wir ĂŒber alternative ZukĂŒnfte sinnieren. So ĂŒbersetzt sie mythologische Figuren wie Ischtar, die bis heute in „WANA-Gebieten“ omniprĂ€sente babylonische Liebesgöttin, ins Hier und Jetzt. Als junge muslimische KĂŒnstlerin bricht Çelik mit Stigmata und schafft ReprĂ€sentation, indem sie der eurozentrischen Perspektive auf Kunst eine Absage erteilt und die Vergangenheit in die Gegenwart ĂŒbertrĂ€gt.

OZAN ZAKARIYA KESKİNKİLİÇ

*1989, DE, lebt in Berlin

&

FABIAN SAUL 

*1986, DE, lebt in Berlin

Abul Abbas. zwischen den lĂŒcken der landkarten, 2024

Lyrisches HörstĂŒck

Am 20. Juli 802 durchschritt ein Elefant an der Seite des jĂŒdischen Kaufmanns und Dolmetschers Isaak aus Narbonne das Aachener Stadttor — ein Geschenk des abbasidischen Kalifen Harun al-Rashid an Kaiser Karl den Großen. Über 5.000 Kilometer legte das Tier zurĂŒck, von Bagdad ĂŒber die tunesische KĂŒste nach Italien entlang des Lago Maggiore, ĂŒber die AlpenpĂ€sse bis hin ins frĂ€nkische Reich. Der Lyriker Ozan Zakariya Keskinkılıç erweckt Abul Abbas zu neuem Leben und beschreibt seine Geschichte in Landschaften und Szenarien, um die Grenzen von Zugehörigkeit, Begehren und Historie zu sprengen. Die Kompositionen des SoundkĂŒnstlers Fabian Saul durchqueren dabei Raum und Zeit wie unsichere Architekturen, die der geisterhaften PrĂ€senz des Elefanten folgen.

KHALED AL SAADI

*1998, DE, lebt in Berlin

TIMESTAMPS, 2024

Video

Der Glaube an Gott, unsere ZukĂŒnftswĂŒnsche und Kipppunkte.

Der Klimawandel schreitet voran und zeichnet dystopische ZustĂ€nde fĂŒr das weitere Leben auf unserem Planeten. Wir werden tĂ€glich mit neuen Krisen konfrontiert und begehren gleichzeitig gegen sie auf.
Verantwortung ĂŒbernehmen, Position ergreifen und Alternativen denken – in der Arbeit TIMESTAMPS befasst sich Khaled Al Saadi mit dem inneren Konflikt zwischen dem Wunsch nach mehr Einfluss in der Gesellschaft und den immer grĂ¶ĂŸer werdenden Herausforderungen, die mit dem Klimawandel einhergehen. Wie lange mĂŒssen wir noch auf den Zugang zu den einflussreichen Hebeln warten, bevor die Kipppunkte ĂŒberschritten werden – und die Sonne im Westen aufgeht. Oder ist sie bereits dort aufgegangen und wir sind mittendrin?

NEUE ALLTÄGLICHE, 2024

Collage

Im gegenwĂ€rtigen Deutschland einen muslimischen Kanzler, eine Richterin mit Hijab oder eine deutsche kulturprĂ€gende muslimische Intendantin zu imaginieren, ist entweder unvorstellbar oder mit hohen Anpassungsdynamiken verknĂŒpft. Doch was geschieht, wenn wir uns dieser Unvorstellbarkeit entreißen und eine Zukunft imaginieren, in der wir zu alltĂ€glichen Gesichtern werden.

Mit Neue AlltĂ€gliche erarbeitet Khaled Al Saadi den Moment, ab dem Muslim*innen Positionen innerhalb der Gesellschaft einnehmen, wodurch sie stĂ€rker zu neuen alltĂ€glichen und allgegenwĂ€rtigen Personen des öffentlichen Lebens werden. Eine Arbeit ĂŒber GefĂŒhle, die aufkommen, Vorstellungen, die derzeit fĂŒr abstrakt gehalten werden und WĂŒnsche, die in ErfĂŒllung gehen.